Zen

Geschichte:

Zen-Buddhismus oder Zen (jap. 禅, zen; chinesisch Chan/chinesisch 禅 ) ist eine in China ab etwa dem 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung entstandene Strömung oder Linie des Mahayana-Buddhismus, die wesentlich vom Daoismus beeinflusst wurde. Der chinesische Name Chan (chinesisch 禅 Chán) stammt von dem Sanskritwort Dhyana (ध्यान), das in das Chinesische als Chan’na (禅那 Chán’nǎ) übertragen wurde. Dhyana bedeutet frei übersetzt so viel wie „Zustand meditativer Versenkung“, was auf das grundlegende Charakteristikum dieser buddhistischen Strömung verweist, die daher auch gelegentlich als Meditations-Buddhismus bezeichnet wird.

Der Chan-Buddhismus wurde in Südostasien durch Mönche verbreitet. Es entstand daraufhin eine koreanische (Seon, korean. 선) und vietnamesische (Thiền) Tradition.

Ab dem 12. Jahrhundert gelangte Chan auch nach Japan und erhielt dort als Zen eine neue Ausprägung, die in der Neuzeit in wiederum neuer Interpretation in den Westen gelangte. Die in Europa und den USA verwendeten Begriffe zum Zen stammen meistens aus dem Japanischen. Aber auch koreanische, vietnamesische und chinesische Schulen haben in jüngerer Zeit Einfluss im westlichen Kulturkreis erlangt.

Zen mitten im Leben

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Wo kommt Zen her? Wie wird er geübt? Und warum hat diese uralte Methode Bedeutung für den modernen Menschen? Der Rinzai Zen Lehrer Shodo Harada Roshi, geboren 1940, gibt eine

Einführung in das Wesen dieser buddhistischen Schule. Der Artikel ist die Transkription eines Vortrags, den der Abt des Klosters Sogenji/Okajama 2009 im Völkerkunde Museum Hamburg in seiner Muttersprache hielt. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte durch seine langjährige Schülerin Sabine Shoe Huskamp.

„Man hört das Wort Zen heutzutage sehr oft. Zen kommt ursprünglich aus Indien, dort wurde es Dhyana genannt, und es wurden einfach Schriftzeichen aus dem Chinesischen ausgesucht, die diesem Wort sehr nahe kamen. Zen an sich hat keine Bedeutung, sondern stammt vom Wort Dhyana, was auf Japanisch soviel wie Do Rio bedeutet, auf Deutsch übersetzt: ruhig betrachten. Wir lernen die meisten Dinge von außen und nehmen von den äußeren Eindrücken her sehr viel an. Doch jetzt drehen wir es einfach um, wir schauen: Wer ist es, der hier sitzt? Wer hat uns hierher gebracht? Wer ist es, der sich diese Rede anhört? Von innen her die eigene Essenz zu erleben und außen alles loszulassen, das ist das Erleben von Zen.

Es war Daruma Darshi (tamil: Bodhidharma), der aus Indien kam und das Zen zum ersten Mal nach China brachte. Als sechster Patriarch folgte dann Dokuso Eno Zenji (chinesisch: Hui-neng). Bodhidharma, der aus Indien nach China kam, brachte zwar den Buddhismus nach China, aber er selbst war Inder und von sehr hohem philosophischen Hintergrund. Er lehrte den Zen damals, wie man seinen eigenen Geist erleben könnte und Kensho ganz direkt hier und jetzt erleben, die Erleuchtung ganz direkt finden konnte. Doch weil er von diesem philosophischen Hintergrund kam, war es sehr schwer für die Chinesen, dieses zu verstehen. Erst sechs Generationen später hat der sechste Nachfolger, Dokoso Eno Zenji dieses ganz direkt und einfach gelehrt. Er sagte einfach, der Geist ist der Körper ohne Form, das ist Zen. Das ist dann keine Philosophie mehr, sondern ganz direkt kann man erleben, wer hier und jetzt lebendig ist.

Er lehrte in einer Weise, dass er sagte: Zen ist nicht eine Wahrheit Gottes. Er versprach auch kein Himmelreich. Er sagte auch nicht, man solle sich vor einem Buddha verbeugen. Er sagte ganz einfach: Wie können wir diesen unruhigen Geist, den wir tagtäglich erleben, als die Wahrheit unseres Lebens erleben? Hier müssen wir genau schauen, um Zen zu erleben. Der Buddha lebte vor 2550 Jahren, er war der erste, der die Wahrheit direkt erlebte und sie auch klar benennen konnte. Er war zuallererst ein Mensch wie wir, der von den Schwierigkeiten des Lebens hin- und hergeworfen wurde, von Krankheit, Alter und dem Tod. Doch dann hat er die Wahrheit in seinem eigenen Geist finden können, nach sechs Jahren Übung in Askese fand er sie. Wir allerdings haben vielleicht nicht die große Weisheit wie der Buddha, um diesen Weg alleine gehen zu können. Wir wissen nicht, wie wir mit unseren Problemen und Sorgen im Alltag umgehen können, um wirklich diese tiefe Ruhe finden zu können. Was machen wir dann? An diesem Punkt fangen wir mit dem Üben des Zazen an, um unseren Geist in der eigentlichen Ruhe erleben zu können.

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Der sechste Patriarch erklärte die Übung des Zazens ganz direkt, indem er sagte, außen alles loslassen und den Geist ruhig werden lassen, das bedeutet das Sitzen. Und innen keine Sorgen hervorbringen, das ist der Aspekt des Zen. Wir alle sehen ständig die Dinge außerhalb, aber wir beurteilen sie auch sofort. Alles wird sofort in gut und schlecht eingeteilt. Unser Bewusstsein ist ständig in Bewegung, ständig dualistisch die Dinge betrachtend, und es beschäftigt sich ständig damit, was für einen selber gut und schlecht ist. Dieses muss einmal vollkommen losgelassen werden. Das ist die Übung des Zazens. Wir müssen einmal diese Idee von gut und schlecht lassen, erst dann können wir die Wahrheit finden, die hinter allem steht. Die Wahrheit, die alle Dinge miteinander verbindet. Damit wollte der sechste Patriarch nicht sagen, dass wir die Augen und die Ohren schließen sollten oder uns vollkommen in eine innere Dunkelheit hineinbegeben sollten. Sondern uns vollkommen öffnen: Sehe ganz direkt, höre ganz direkt, aber sei wie ein Spiegel dabei. Spiegle einfach das wieder, was du erlebst, was du direkt vor dir findest und beurteile es nicht gleich dualistisch. Denn so wird dein Geist niemals zur Ruhe finden können. In jedem Moment sei wie ein Spiegel ohne zu schauen, ob es gut oder schlecht ist.

Im Geiste selbst keine Sorgen, an keinen Problemen festzuhalten – das ist die Übung des Zen. Wir haben im Geist viele Gedanken, aber alle diese Gedanken sind wie eine wilde Bande. Selbst Freud sagte, dass in unserem Unterbewusstsein eine reine Ansammlung von diesen Informationen aus der Vergangenheit ist. Wenn wir es genau betrachten, ist die Menschheit vor 3,5 Milliarden Jahren entstanden und wir speichern quasi alle Daten von dieser Zeit in unserer DNA. Wir sind nur eine Ansammlung von Daten. Wenn wir es von diesem Standpunkt her betrachten, so kann der Geist von dorther nicht ruhig werden, wenn wir diese Daten als die Wahrheit sehen. Dort werden wir diese Ruhe nicht finden. Erst an dem Ort, an dem wir erkennen, dass all das nur eine Landschaft ist, dass es wie mit den Atomen ist, die sich sammeln, zusammen sind und dann wieder auseinander gehen – das ist der Ort, wo die Wahrheit zu finden ist. Es bedeutet nicht, all diese Daten, die Erlebnisse und die Vergangenheit zu ignorieren, sondern tiefer zu schauen. Von woher kommt all dieses hervor? Was ist die Quelle von all diesem? Nicht da stehen zu bleiben, wo wir den Schmerz erleben, die Trauer, die Einsamkeit, sondern tiefer zu schauen: Was ist das, was dahinter ist? Und die anderen Dinge als eine Landschaft unseres Lebens zu erleben.
Zazen bedeutet, außen alles loszulassen und innen an keinem Problem festzuhalten. So einfach wird Zazen beschrieben, doch so einfach ist es nicht. Wir haben nämlich die Gewohnheit, sobald wir etwas hören, etwas sehen, gleich an etwas anderes zu denken, es gleich zu beurteilen, es gleich einzuordnen. Wie es in einem alten japanischen Gedicht heißt: Unser Geist ist wie ein Holzfass, was auseinander gefallen ist und nur noch die Ringe bleiben zurück. Vielleicht hatte das Holzfass einmal eine Bedeutung, vielleicht wurde das Futter für die Pferde darin aufbewahrt. Doch mittlerweile wird das Fass nicht mehr benutzt, und es sammelt sich Laub darin, das Wasser darin fängt an zu faulen und selbst das Holz wird morsch. Und dann fällt dieser Holzkübel auseinander. So ist es mit unserem Geist. Unser Geist hat ständig irgendetwas in sich. Er ist nie vollkommen ruhig. Unser Bewusstsein ist immer in Bewegung. Und deswegen muss dieses einmal vollkommen auseinander fallen, so dass nur noch die klaren und runden Ringe zurückbleiben können. Dann haben wir die Übung des Zazens, eine Art und Weise, um mit unserem unruhigen Geist umzugehen. Wir beurteilen die Welt außerhalb immer sofort in gut und schlecht. Und solange wir arbeiten, solange wir unserer Arbeit folgen müssen, wir quasi funktionieren müssen, solange ist unser Geist vielleicht noch relativ ruhig. Aber dann setzen wir uns hin, um Zazen zu üben, um innerlich ruhig zu werden, und erst dann spüren wir, wie unruhig unser Geist eigentlich ist.

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Zazen zu üben, dafür gibt es ganz klare Anweisungen. Es bedeutet an und für sich, nur vom Ursprung her, zu der ursprünglichen Ruhe des Geistes zurückzukehren, alles zu der Quelle zurückzuführen, den Geist wieder in seiner gesunden Weise auszurichten. Um Zazen zu üben wird zuerst gesagt, dass wir den Körper richtig ausrichten sollten. Danach uns auf den Atem konzentrieren und von dorther können wir die Ruhe im Geist finden. Der Körper hat eine Form, und es ist im Moment noch leicht, mit diesem Körper umzugehen. Wir alle benutzen unseren Körper im Alltag, und entsprechend unseren Gewohnheiten haben wir die Balance in unserem Körper. Oftmals finden wir auch, wenn wir älter werden, dass zum Beispiel unsere Knie weh tun, dass der Rücken weh tut. Das ist, weil wir entsprechend dieser Gewohnheit gelebt haben und unser eigentliches Gleichgewicht im Körper verloren haben.

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Zazen wird normalerweise im Sitzen geübt. Das ist so, weil die Hüfte der zentrale Punkt des Körpers ist. Wir waren ursprünglich Vierbeiner, die sich aufgerichtet haben, und die vorderen Beine sind zu unseren Händen und Armen geworden. Wir haben gelernt, mit den Händen etwas herzustellen, und unser Gehirn hat sich auch entwickelt. Wir laufen mittlerweile auf zwei Beinen, obwohl unser Körper eigentlich für Vierbeiner geschaffen ist. Das bedeutet somit, dass der ganze Stress und der Druck des Körpers auf diese Hüfte und auf die Wirbelsäule kommt. Deswegen haben viele Menschen Probleme mit diesen Teilen des Körpers. Es ist die Schwerkraft, der wir ständig ausgeliefert sind. Wie können wir mit diesem Problem umgehen? Das ist der Grund, weswegen wir uns beim Zazen hinsetzen, um dieser Schwerkraft entgegen zu kommen. Das Zentrum unseres Körpers ist eigentlich die Hüfte, von woher wir ein Gleichgewicht haben könnten, aber es ist sehr schwer in unserer heutigen Zeit, dieses Zentrum zu halten. Wir haben in unserem Körper einen Energiefluss, den man nicht mit den Augen sehen kann. Dieser kann überall dort im Körper stecken bleiben, wo wir nicht im Gleichgewicht sind. Wir sind ständig mit unserem Bewusstsein nach außen gerichtet, und wir nehmen zu viele Informationen auf. Und innerlich sind wir auch ständig in Gedanken involviert, und deswegen ist die Energie sehr viel höher in unserem Körper, als das Zentrum eigentlich sein sollte – so ist es eben in unserem täglichen Leben. Das Zentrum ist eigentlich in der Hüftgegend. Ich glaube, dass auch einige hier das aus eigener Erfahrung wissen, dass dann die Schultern, der Hals verspannt werden und dass man sogar Kopfschmerzen bekommen kann. Aber das ist nur so, weil die Energie nicht im Gleichgewicht ist.

Wir sind ständig nach außen gerichtet, um diese Informationen aufnehmen zu können. Unser Kopf hat alle Sinnesorgane in sich. Vom Kopf her sehen wir, riechen wir, hören wir, schmecken wir, und das Gehirn ist auch im Kopf. Alle Sinnesorgane sind im Kopf zu finden. Somit wird die Energie aus dem Bauch und aus den Beinen gezogen. Das kann man heutzutage besonders gut sehen, wenn nur eine leicht stressige Situation aufkommt. In der heutigen so bewegten Zeit finden wir nicht mehr zu unserem eigenen Selbstvertrauen zurück.

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In der Medizin Asiens wird das so beschrieben, dass wir quasi aus zwei Menschen bestehen. Einmal der obere Teil: der „normale“ Kopf und die beiden Arme bilden einen Teil – und der zweite Kopf ist im Bauch zu finden, wozu dann die Beine gehören. Diese zwei Teile machen den Menschen aus. Wenn wir uns in unserem eigenen Bauch einen Kopf vorstellen würden, dann wäre es ein Kopf ohne Augen, ohne Ohren, ohne Nase, ohne Mund und auch kein Kopf, der nachdenken würde. Doch genau dort ist die Basis unserer eigenen Lebensenergie zu finden. Dort werden auch die Hormone verteilt, die das ganze Nervensystem kontrollieren, selbst wenn wir schlafen. Doch wir heutzutage benutzen nur den oberen Teil unseres Körpers. Um zu unserem eigenen, zu unserem wahren Lebenserleben zurückzukehren, müssen wir uns auf diesen Kopf in unserem Bauch konzentrieren. Deswegen bedeutet es nur, außen alles loszulassen und innen zu der Ruhe zurückzukehren. Lasst dieses Denken ein wenig beiseite, lasst den Kopf ein wenig ruhig werden. Das ist die Übung des Zazens.

Der Buddha lehrte seine Schüler auch, ein Mantra zu benutzen. Er sagte zu den Schülern, benutzt euren eigenen Namen und wiederholt ihn immer wieder, oder nehmt irgendwelche wichtigen Worte aus den Sutren. Diese Mantren sind dazu da, um die innere Essenz zu stärken, um die eigene Konzentration zu fördern, aber nicht vom Kopf her, sondern vom Bauch her. Wir sitzen und zuallererst benutzen wir den Atem, um vom Kopf zum Bauch hinunterzukommen. Es ist dieser lange Ausatem (den er gerade vorgeführt hat). Wenn wir uns nur einfach hinsetzen beim Zazen und nur versuchen, so dem Mantra zu folgen, reicht das nicht aus, denn es ist unsere Gewohnheit, den Kopf zu benutzen. Der Kopf ist zu beschäftigt. Und deswegen benutzen wir den Atem, um innerlich ruhig und tief zu werden.

Als erstes haben wir uns auf unseren Körper zu besinnen und uns gerade hinzusetzen. Der zweite Punkt ist jetzt, diesen Atem auszurichten. Der Körper kann dann als ganz leicht und frei erlebt werden. Wenn wir sitzen, ist es wichtig, dabei den oberen Körper zu entspannen, die Schultern zu lockern und vor allen Dingen die Verspannung aus dem Zwerchfell zu nehmen. Alle Kraft und Verspannung aus dem oberen Körperteil einfach hinunterfließen lassen, loslassen. Danach kann beim Ausatmen der Bauch flach werden. Wenn beim Ausatem der Bauch nicht flach wird, heißt das, dass wir nur bis zum Zwerchfell ausatmen können, dass wir dort verspannt sind, dass wir uns dort festhalten. Wenn sich das Zwerchfell verspannt hat, dann können wir nicht lange ausatmen. Warum ist der lange Ausatem so wichtig? Weil auf einen langen Ausatem auch ein langer Einatem folgt. Der Ausatem gibt unserem Körper und unserem Geist eine Weichheit, eine Offenheit, und der Einatem bringt neue Energie, neues Leben in unseren Körper hinein. Deswegen sind beide Aspekte so wichtig, und nur so können wir eine Frische und eine Weite in unserem Geiste erleben.

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Um einen langen Atem für unsere Gesundheit zu haben, könnte man sagen, dass man acht Sekunden lang ausatmen sollte. Im Alltag kann das natürlich variieren, wenn man zum Beispiel rennen muss. Dann wird der Atem entsprechend anders, aber generell ist es ein sehr gesunder Körperzustand und Geisteszustand, wenn wir acht Sekunden aus- und acht Sekunden einatmen können. Dieser Atemrhythmus ist möglich. Es ist wichtig, an diesem Punkt lange und weit auszuatmen, bis der Bauch ganz flach wird. Das ist möglich. Und dann möchte der Körper von alleine wieder einatmen. Und diese Kraft im Körper nicht nach oben ziehen, nicht von den Lungen her nur einatmen, sondern den Bauch nach vorne gehen lassen, den Bauch nach vorne strecken, denn sonst wird er noch mehr verspannt. Diese Aus- und Einatmung ist äußerst wichtig, wie zum Beispiel auch für Kinder, die an Asthma erkrankt sind. Die an und für sich nicht einzuatmen scheinen können, doch das Problem liegt daran, dass sie nicht ausatmen können. So sehr tragen sie diesen Druck und diesen Stress schon in sich. Auch wir im Alltag haben oftmals einen sehr kurzen Atem, weil wir unter Druck stehen, weil wir diesen Stress spüren. Deswegen ist es wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, wie weit und tief der Atem sein kann. Denn nur dann kann unser Geist frisch und erholt sein.

Ich habe leider nicht genügend Zeit, ich könnte mich noch ewig über den Atem unterhalten. Aber eines möchte ich noch sagen: dass wir zuerst den Körper haben und den Atem. Das sind beides Aspekte der Form, mit denen noch relativ leicht umzugehen ist. Doch dann haben wir noch den Aspekt des Geistes. Auch dieser Geist muss ausgerichtet werden. Es ist besonders wichtig, in dieser so bewegten Zeit. Wie können wir für andere Menschen von Hilfe sein? Wie können wir ein Wegweiser für andere Menschen sein? Wir können das nur sein, wenn wir in unserem eigenen Geist diese Ruhe gefunden haben.

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Der sechste Patriarch sagte: Von Anbeginn gibt es nichts, wo sich der Staub ansetzen könnte. Wir essen gutes Essen, tragen gute Kleidung, und wir versuchen alles zu tun, um unseren Körper gesund zu halten. Das mag das Glück eines jeden Menschen sein, dass wir die Gesundheit als das Allerwichtigste sehen, denn sonst sind die anderen Aspekte unbedeutsam. Doch Roksu Zojenzi (?) sagt zu uns, wir müssen noch tiefer schauen. Der Körper bleibt nicht ewig. Wir müssen uns irgendwann von diesem Körper trennen. Selbst ein alter Zenmeister, der 120 Jahre alt wurde, Tschoshu Usho (?), musste irgendwann einmal sterben. Wir haben diesen Körper nicht ewig und müssen ihn irgendwann loslassen. Dieser Körper ist ein begrenztes Glück. Natürlich ist unsere Gesundheit ein Barometer für unser eigenes Glück im Leben, doch dürfen wir dort nicht stehen bleiben. Wir mögen vielleicht auch denken, dass der Frieden und die Ruhe in unserem Geist uns sehr wichtig sind. Wenn wir jedoch unsere Augen schließen würden, unsere Ohren schließen würden, vielleicht würden wir diese Ruhe im Geist dann auch finden. Doch wäre das wahrlich das Glück für die ganze Menschheit? Vielleicht könnten wir dort für uns selber etwas Ruhe finden, aber wäre das wirklich das Glück von allen Menschen? Wenn wir uns nur umschauen, wie viele Menschen leiden, da können wir doch nicht unsere Augen schließen und auch so tun, als ob wir nichts hören würden. Das ewige Glück ist dort nicht zu finden. Es ist wichtig, dass der eigene Geist ruhig ist, dass der Körper gesund ist, doch die Wahrheit ist noch ganz woanders zu finden.

Der sechste Patriarch sagte weiter: Von Anbeginn gibt es nichts, wo sich dieser Staub setzen könnte. Die Basis unseres Geistes hat es nie gegeben. Es gibt da nichts, keine Wolke, keinen Staub. Dort, wo überhaupt nichts zurückbleibt, dort ist die Wahrheit zu finden, wie bei unserer Geburt, wo wir an nichts festhalten. Vielleicht sind wir von der DNA beeinflusst, aber abgesehen davon halten wir an überhaupt nichts fest. Dort ist der wahre ruhige Geist zu finden. Wir hören von Anbeginn nichts. Von Anbeginn an gab es überhaupt nichts. Wenn dies jetzt jemand hört, mag er sagen: Was soll das? Aber das ist nur, weil wir es nicht verstehen. Weil wir versuchen, es intellektuell zu verstehen. Wenn es zum Beispiel jemanden gibt, der kurz vor dem Sterben ist, der voller Qualen ist, der Schmerzen hat und wirklich sterben möchte – wenn wir dieser Person sagen würden, dass alles nur eine Vorstellung ist, dass von Anbeginn wirklich nichts in dieser Welt existiert, so würde jener wohl kaum sagen: Nun habe ich verstanden, meine Qualen sind vorbei, meine Schmerzen sind auch unbedeutend, und ich bin befreit. Es ist nicht ganz so leicht, alles vollkommen loszulassen.

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Wir haben diese Gedanken und Erinnerungen, doch einmal müssen wir alles vollkommen loslassen, alles abwerfen. Die dualistische Haltung müssen wir einmal beiseite legen, um zu der Quelle, zu der Wahrheit zurückzufinden. Solange wir noch versuchen es zu verstehen, es intellektuell angehen, finden wir nicht dorthin. Es ist so, als ob wir vollkommen sterben müssten, alles loslassen. Es geht dabei nicht nur um den Körper und den Atem, es geht auch um den Geist. Um diese Ruhe zu finden, müssen wir alle Ideen vollkommen beiseite legen. Wir müssen dem eigenen Tod so nahe kommen, dass wir wieder frisch und neu geboren werden können. Viele Leute sitzen hier, und sitzen auch Zazen, und viele gehen dabei so weit, dass sie dem eigenen Tod nahekommen. Es bedarf eines sehr festen Entschlusses. Es ist leicht, Zazen zu sitzen, um eine gewisse Ruhe zu erleben. Doch man muss soweit gehen, dass man selber stirbt, dass das Selbst einmal stirbt, um neu geboren zu werden, und dafür bedarf es einiger Mühen.

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Die Wissenschaftler sagen, dass wir mit einem Bewusstsein von einer Null geboren werden. Wenn wir im Alter von 16 Monaten sind, dann können wir von unserem Bewusstsein her Eins verstehen, Eins erleben. Und erst mit 23 Monaten erleben wir unser Selbst, erleben wir unser Ich zum ersten Mal. Und von dort her, von diesem Punkt her können wir viele Dinge entwickeln. Von dort her kommt die Kultur hervor, die Erfindungen und alle Entwicklungen der Menschheit. Das ist das ganz Besondere an den Menschen, doch genau von dort her kommen auch die Probleme. Wie es auch in der Bibel heißt: Werdet zum Geist eines Kindes. Erst dann könnt ihr in das Himmelreich eintreten. Das ist der Geist eines Kindes, der – bevor dieses Ego, dieses Selbst so stark wurde -, der davor direkt erleben konnte. Von dort können wir unser wahres Selbst erleben. Doch dieses Selbst wird in unserer heutigen Gesellschaft gestärkt und versucht, sich selber immer nur zu beschützen. Versucht das Beste für sich zu erhalten. Das ist unsere Gesellschaft heutzutage. Das Ego, das Selbst, bringt es uns wirklich Glück? Von Anbeginn ist dieser Geist jenseits des Dualismus in uns. Wir haben ihn nicht verloren, er ist immer noch in uns. Es ist dieser Geist, der von einem Kinde erlebt wird, der jenseits des Dualismus die Dinge einfach so erleben kann, wie sie sind. Das ist die Basis der inneren Ruhe, die wir erleben können, jenseits von gut und schlecht. Weil wir dafür keine besseren Worte finden, können wir es vielleicht Gott nennen. Wir können es auch Buddha nennen. Egal wie man es nennen mag, es ist ein Bewusstsein, das zur wahren Basis des eigenen Selbst zurückgekehrt ist. Und von dorther können die Probleme zum ersten Mal wahrlich gelöst werden.

Wir mögen vielleicht das Beste in unserem Leben tun, auch für andere Menschen, aber solange das Ego noch dabei seine Hand im Spiel hat, versucht es immer noch, etwas Gutes für sich selber zu erhalten. Wir müssen dieses Ego, dieses Selbst vollkommen beiseite legen, unser Selbst vollkommen sterben lassen, um dieses neue Bewusstsein hervorbringen zu können. Dann erleben wir die Welt ganz anders. Es ist nicht so, dass von dorther keine Gesellschaft bestehen kann, sondern wir sehen den Schmerz einer anderen Person, er wird zu unserem eigenen Schmerz. Und es ist nicht der Schmerz einer anderen Person, den wir vielleicht dann heimlich als Freude erleben, es ist diese Fülle der inneren Lebensenergie, die sich auf die ganze Menschheit ausweiten kann. Wir können alles direkt und klar erleben. Das ist das Erwachen zu dem eigenen Selbst, zum wahren Selbst, das immer noch in uns ist. Das ist der Weg des Zazens. Um zu diesem Erleben im Zazen zu kommen, üben wir Zazen. Es ist das Bemühen, das dabei notwendig ist, um zum wahren Selbst zu finden.“

Quelle: www.zen-gruppe-hamburg.de