Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen

Es liegt in der menschlichen Natur, von der Richtigkeit der eigenen Meinung auszugehen und selbst beim oberflächlichen Betrachten fremder Angelegenheiten sagen zu können, was richtig und was falsch ist. Doch dies ist eine naive Haltung. Es ist schon schwer genug, die Wahrheit in sich selbst zu finden. Alles, was darüber hinausgeht, bedarf einer intensiven Übung und ist ohne einen fortgeschrittenen Zustand der Reife im Leben ganz und gar unmöglich.

Der in einer Spezialisierung fixierte Geist verhindert das Erkennen größerer Sinneszusammenhänge. Da jedoch die moderne Technik den in einem unbekannten Ganzen funktionierenden Spezialisten weit mehr schätzt als den im Leben gereiften Menschen, wird der unfertige, jedoch hochspezialisierte Mensch immer mehr zum Vorbild. Doch wie immer dieser Mensch außerhalb seines Bestimmungsbereichs aktiv wird, entstehen Missverständnisse. Der Spezialist ist ein Mensch, der immer mehr von immer weniger versteht.

Für Kampfkunstübende ist die Bemühung um einen erweiterten Geist ein bedeutendes Übungsziel. Es ist naiv und überheblich, in den Verantwortungen anderer Rechtes von Unrechtem zu unterscheiden, ohne selbst miteingebunden zu sein. Auf dieser Grundlage beruhen in den Kampfkünsten die Verhaltensregeln. Ein Fortschrittsgrad rechtfertigt sich nur, indem er nach unten hin beispielgebend und nach oben hin achtungsvoll ist. Es ehrt ihn nicht, wenn er sich dazu berufen fühlt, höhere Grade zu kritisieren und nach unten zu herrschen. Seine Aufgabe besteht darin, sich zu bemühen, selbst den Anforderungen höherer Grade zu entsprechen, um mit der Zeit zu wachsen. Dies ist etwas anderes, als mit unfertigem Geist höhere Verantwortung zu beurteilen.

Nur die Fähigkeit zur Verantwortung setzt sich letztendlich durch. Doch nie ist sie fordernd und anklagend, sondern immer bescheiden und genügsam. Man kann sie erreichen, wenn man die Herausforderung in sich selbst sucht und mit der Zeit reifer wird. Tatsächliches Vermögen kämpft nicht um Anerkennung, sondern handelt und beweist sich selbst. Einbildung hingegen hat immer die Tendenz, fremde Werte zu übersehen und Fehler anderer überzubewerten.

Wirkliche Erkenntnis hinterfragt die eigene Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen und auf breiter Basis zu verantworten. Die Pauschalmeinung will nur das Prestige. Sie stellt die Fehler anderer Fest und weiß immer um die Wege des Rechten und Besseren.

Ohne Selbsterkenntnis um Reife ist man nicht in der Lage, die wahre Natur einer Angelegenheit zu verstehen, denn man sieht nur ihre Teilabschnitte. Man sollte sich die Chance geben, durch rechte Übung mit der Zeit reif zu werden und den Geist für weiteren Fortschritt offenzuhalten, denn eine solche Übung erschließt neue Wege. Verfrühte Ansprüche verhindern die Reife.

Artikel aus: Der geistige Weg der Kampfkünste von Werner Lind



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