Lehrer des BSK

Werner Lind

Gruender und Hauptlehrer des Budo Studien Kreises (BSK)

Werner_LindKampfkunstlehrer ((geb. 30.10.1950, † 21.12.2014), kyōshi, Gründer (soke) des Budokan (Bensheim) und des Budo Studien Kreises (BSK). Aufgrund langjähriger Forschungen nennt er sein Kampfkunstkonzept kenpō karate und bezieht es auf die Grundlagen des shōtōkan ryū von Meister Funakoshi Gichin.
Nach wie vor legt Werner Lind Wert darauf, dass es nur EIN karate gibt, innerhalb dessen man verschiedene Methoden zu einem eigenen Konzept zusammen kombinieren kann. Daher betrachtet er seine Kreation shōtōkan kenpō karate als Einführungs- und Ausbildungssystem zum großen Umfang des karate. Seinen Meister-Schülern (ab dem 5. dan) erlaubt er eine eigenständige Entwicklung in alle Bereiche der Kampfkünste.

Werner Lind begann 1967 mit dem Studium des shōtōkan ryū und graduierte unter verschiedenen internationalen Lehrern. Nach langjährigen Kampfkunsterfahrungen im In- und Ausland kam er 1980 nach Deutschland und eröffnete den Budokan (Bensheim), der inzwischen über die Grenzen Deutschlands hinaus als Budo-Informationsforum bekannt ist und von vielen Lehrern als solches genutzt wird.
1988 gründete er zusammen mit seinen Schülern den Budo Studien Kreis, dessen Mitglieder sich an der Erforschung alter Kampfkunstsysteme (koryū) beteiligen. Lind ist ein international bekannter Kampfkunstlehrer, seine vielfältigen Buch- und Video-Veröffentlichungen sind weltweit in viele Sprachen übersetzt. Genealogie des BSK siehe shōtōkan kenpō karate.

Mondo mit Werner Lind

Fragen verschiedener Budo-Sensei bei einem Seminar
veröffentlicht in “Klassisches Karate Do” von W. Lind (Sportverlag Berlin)

•    Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Lehrer aus der Sicht des budō?
Werner Lind: Ein Trainer unterrichtet Technik, ein Lehrer lehrt den Weg.

•    Frage: Warum lobt ein Karate-Lehrer so wenig und tadelt so viel?
Werner Lind: Lob kann eine Droge sein, und erfahrene Lehrer wissen, dass zu viel Lob eine überhebliche Gruppenmentalität zur Folge hat, die nachher nur schwer kontrollierbar ist. Kritik ist hingegen der stärkste Ansporn für jene Schüler, die eine echte Lehrer/Schüler Beziehung haben. Sie wissen, dass Kritik auch ein Lob ist, denn der Lehrer kritisiert nicht jeden Schüler. Überhebliche Schüler scheitern irgendwann immer an der Kritik, und das tut den Kampfkünsten gut.

•    Frage: Wie schafft man es, dass Schüler zu Individuen reifen und nicht zu Abbildern des Lehrers?
Werner Lind: Indem man lehrt und nicht predigt. Indem man durch das eigene Beispiel führt und nicht treibt. Indem man Schüler mag und nicht klammert. Indem man selbst dem Ideal dient und nicht endgültig ist. Indem man Lehrer ist und nicht Trainer.

•    Frage: Was bedeutet es, wenn Sie zu Ihren Übungsleitern sagen, „wenn Ihr ins dōjō geht, um budō zu unterrichten, dann müßt Ihr alle Systeme vergessen?
Werner Lind: Ihr dürft nicht kopieren. Ihr dürft weder mich noch einen anderen nachahmen, sondern ihr müßt in eurer eigenen Seele suchen und ihr selbst sein. Ihr dürft aber auch die Grundprinzipien nicht verletzen, weil das jede Budogemeinschaft ins Abseits treibt. Ihr müßt in den jeweiligen Situationen als Mensch und Karatelehrer das richtige entscheiden. Wenn man zu sehr in den Systemen hängt, ist man kein Karate-Lehrer sondern ein Karate-Beamter. Den Unterschied zwischen den beiden möchte ich lieber nicht erklären.

•    Frage: Wie ist das Verhältnis von Karate zu anderen Kampfkünsten und inwieweit besteht für einen Lehrer die Verpflichtung zur Erhaltung eines Stils?
Werner Lind: Schlecht dort, wo ein solches Verhältnis auf Schwarzgurtebene nicht geschaffen wird. Man kann für sich persönlich viele andere Techniken in Betracht ziehen, man sollte fremde Prinzipien studieren und keineswegs denken, dass Fortschritt sich in einem abgeschlossenen Stil verbirgt. Wenn man sich nur auf Systeme verläßt, wird man böse Überraschungen erleben, wenn man z.B. gegen einen Boxer oder einen Ringer kämpft. Man sollte an seinen eigenen Verstand appellieren und sich fragen, wie man einen Gegner besiegt. Den größten Fehler, den man machen kann, ist zu denken, dazu würden die Wettkampftechniken ausreichen.
Wenn man aber unterrichtet, muß man das System getreu wiedergeben. Wenn ein Lehrer persönliche Interpretationen unterrichtet, verfälscht er das System und nimmt anderen die Chance, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Zwischen der Unterrichtsmethode und der persönlichen Auffassung kann es erhebliche Unterschiede geben.

•    Frage: Welche Rolle spielt in einem Zweikampf die Angst?
Werner Lind: Was ist ein Zweikampf? Es gibt Wettkämpfe, Dojo-Kämpfe und richtige Kämpfe. Alle drei unterscheiden sich voneinander. Im Wettkampf sind keine Treffer erlaubt, und es gibt einen Schiedsrichter, der den Kampf unterbricht, bevor jemand siegen kann. Das ist kein wirklicher Kampf, denn in der Realität würde der Wettkampfsieger wahrscheinlich nicht siegen. Hier gibt es höchstens die Angst um den Prestigeverlust.
In einem Dojokampf kann man viel weiter gehen. Man darf hier nicht auf Punktgewinne kämpfen, sondern man muß dazu übergehen, sehr starke Körpertreffer auszuführen und zu nehmen. Man muß das in Absprache mit seinem Partner tun, aber man sollte nicht darauf verzichten. Wenn ein Schwarzgurt auf diese Weise ausgebildet wurde, kann er von einem Karateka, der nicht 10 Jahre lang täglich Makiwaratraining übt, überhaupt nicht verletzt werden. Wenn er auch noch selbst starke Techniken entwickelt hat, braucht er gegen einen Wettkampfvirtuosen gar nicht zu kämpfen. Jeder Karateka, der schon einmal vor einem Meister im Nehmen gestanden hat weiß, dass die virtuose Technik aussichtslos ist.
Es ist ein Unterschied, ob man mit seiner Kampftechnik eine Meisterschaft gewinnen kann oder ob man einen starken Gegner in die Knie zwingen kann. Dojokämpfe dienen dem zweiten Ziel. Obwohl sie wesentlich stärker sind als Wettkämpfe sind sie ungefährlich, es wird kaum verletzt, da ein Schwarzgurt mit seiner Angriffsstärke die Grenze seines Partners nicht überschreitet. Die vielen Zufallsverletzungen, die es auf Wettkämpfen gibt, sind dem Umstand zu verdanken, dass die Kämpfer im Kämpfen meist nicht ausgebildet sind und unkontrolliert angreifen.

•    Frage: Kann man die Angst vollständig besiegen?
Werner Lind: Wirkliche Kämpfe können nur bestritten werden, wenn man die oben beschriebenen Dojokämpfe übt. Kein Schläger läßt sich von unwirksamer Virtuosität einschüchtern. Hier geht es darum, ob man ihn stoppen kann oder nicht. Man darf sich im Dojo nicht selbst belügen. In einem wirklichen Kampf kommt es nur auf drei Dinge an: auf die psychische Stärke, auf die Fähigkeit zu Nehmen und auf die Kimeübertragung. Erst danach kommt die Technik. Angst gibt es immer und bei jedem. Man kann sie nicht beseitigen, aber man kann lernen, sie zu kontrollieren. Wenn man das wirklich versteht, wird man nicht angegriffen und braucht nicht zu kämpfen.

•    Frage: Wann kann eine Frau sagen, dass sie sich wirklich verteidigen kann?
Werner Lind: Nie! Alles hängt immer von der Situation ab und nicht zuletzt vom Fortschrittsgrad der entsprechenden Frau. Selbstverteidigungssituationen sind wie ein Labyrinth, aus dem jener herausfindet, der den besseren Riecher hat. Eine ausgebildete Frau wird im entsprechenden Moment besser reagieren als eine untrainierte Frau, aber eine Garantie für den Sieg gibt es weder für Mann noch für Frau. Beide werden nicht umhin kommen, das Richtige zu entscheiden. Und für beide gilt: wegrennen ist besser als kämpfen.
Wenn Frauenkarate auf Selbstverteidigung zielt, muß es im Dojo anders aufgebaut sein als Männerkarate. Eine Frau kann gegen einen Schläger nicht in eine Deckungshaltung gehen und mit ihm eine Prügelei anfangen. Das liegt zum einen in ihrer körperlichen Unterlegenheit und zum anderen in ihrer angeborenen Einstellung zum Kampf. Deshalb sollten Frauen weniger Jiyu-kumite üben und sich mehr um Selbstverteidigungsaspekte kümmern. Die Technik der Frau muß auf empfindliche Körperpunkte zielen, sie braucht genügend Übertragungskraft, sie muß auf Ökonomie und Überraschung aufgebaut werden, und sie muß den Angreifer bereits in der ersten Aktion empfindlich verletzen. Für Frauen ist zu empfehlen, dem Angreifer Nachgiebigkeit vorzutäuschen, um im richtigen Moment eine Aktion zu starten. Der daraus resultierende Schock sollte dazu verwendet werden, so schnell wie möglich wegzurennen. Nur wenn es keinen Fluchtweg gibt, sollte eine Frau sich zu einer letztendlich entscheidenden Selbstverteidigungshaltung entscheiden.

•    Frage: Was halten Sie von den oft angebotenen Wochenendkursen für Frauenselbstverteidigung?
Werner Lind: Dort werden ein paar Tricks gezeigt, und man redet den Frauen ein, nun könnten sie sich selbstverteidigen. Das können sie natürlich nicht, und wenn sie es versuchen, gefährden sie sich selbst. Nur unverantwortliche Lehrer, die selbst nicht in der Lage sind, eine solche Situation zu beherrschen, können Frauen so etwas einreden. Sie heben die Selbstsicherheit der Frau mit untauglichen Techniken, die dann wenn sie sie anwenden, dazu führen, dass der Angreifer noch aggressiver wird. Frauen, die gefährdet sind, sollten sich eine Waffe kaufen und Verhaltensseminare in Frauengruppen besuchen, die Erfahrungen mit solchen Situationen haben. Sie können auch eine Kampfkunst üben, doch ohne lange Jahre harter Übung werden sie sich nicht verteidigen können. Auf jeden Fall sollten sie den Kursangeboten fernbleiben.

•    Frage: Was ist zu beachten, wenn ein jüngerer Karatelehrer einen älteren Schüler unterrichtet? Kann es hier eine echte Lehrer/Schüler Beziehung geben?
Werner Lind: Wenn die Betonung auf “Karatelehrer” liegt, grundsätzlich ja, auch wenn er jünger ist, denn das setzt voraus, dass er das nötige Fingerspitzengefühl hat, das in einer solchen Beziehung wichtiger als alles andere ist. Junge Karatelehrer sollten aber nach dem traditionellen Karateprinzip unter einem älteren Lehrer stehen und Teil einer erfahrenen Budogemeinschaft sein und nicht alleine einer Schule/Verein vorstehen. Diese Frage stellt sich erst in den letzten fünfzig Jahren, denn in früherer Zeit gab es keine jungen Karatelehrer. Solange ihr Lehrer gelebt hat, waren sie Schüler bei ihm, auch wenn sie inzwischen selbst Schüler annahmen.
In Europa ist es sehr schwierig, dieses Prinzip zu erklären. Der traditionelle Weg des Karate ist von den Japanern in den fünfziger Jahren verlassen worden, das Loyalitätsprinzip wurde verletzt, und aus Karate wurde ein Geschäft gemacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Japaner Karate gegen die Tradition verbreitet haben, und in Europa und den USA mußte die Tradition neu entdeckt werden.

•    Frage: Worin besteht diese Tradition?
Werner Lind: In erster Linie auf dem Prinzip einer großen Familie. Gegenseitige Loyalität war höchstes Gebot. Meister Funakoshi beschreibt das in seinem Buch “Karate-do – mein Weg” sehr eindrucksvoll. Die Erfahrungen vieler Generationen wurden durch dieses Integritätsprinzip immer weiter getragen. Der Hauptlehrer wurde vom Schüler-Lehrer nicht als Hindernis zu seiner persönlichen Entwicklung angesehen, sondern als Träger der Tradition und als jemand, der in der Lage war, die Budogemeinschaft zusammenzuhalten. Beides ist sehr wichtig. Persönliche Interessen mußten diesem Prinzip untergeordnet bleiben, da ansonsten der Fortschritt jedes Einzelnen in Frage gestellt war. Je älter der Hauptlehrer wurde, um so mehr wurde er von den jüngeren Schüler-Lehrern unterstützt, da er nur auf diese Weise seine Erfahrungen weitergeben konnte. Natürlich verlor er an Kampfkraft, und natürlich wurde er von Jüngeren überflügelt. Doch um so mehr wurde er idealisiert, denn fast immer hing das Fortbestehen der Budogemeinschaft davon ab, ob ER sie führte oder nicht. Nicht der Hauptlehrer allein trug die Erfahrungen in die nächste Generation, sondern auch die Übungsgemeinschaft um ihn herum. Verrat an diesem Prinzip bedeutete oft das Ende der ganzen Strömung.
Das ist der Grund, warum Loyalität und Überwindung des Ich in den Kampfkünsten so hoch stehen. Lehrer, Lehrer-Schüler und Schüler sind Diener ein und desselben Ideals, und alle wußten, dass sie es auch dann, wenn es persönliche Unstimmigkeiten gab, nicht verraten durften. Sie alle waren Träger einer alten Kampfkunsttradition, und dies verpflichtete zur gegenseitigen Treue. Doch dieses Prinzip ist den Menschen in einer modernen Konsumgesellschaft völlig fremd. Egoismus, Untreue und Selbstgefälligkeit verletzen dieses wichtige Kampfkunstprinzip und bringen unzählige sogenannte Lehrer hervor, die den katastrophalen Zustand des europäischen Karate bewirkt haben.

•    Frage: Was meinen Sie genau, wenn Sie von Loyalität sprechen?
Werner Lind: Ich möchte es ganz einfach formulieren. Wenn ein Lehrer einen Schüler annimmt und ihn über viele Jahre hindurch zum Fortschritt bringt, lehrt er ihn nicht nur ein Kampfkunstsystem, sondern er nimmt Anteil an seinem Leben und trägt (fast ausschließlich) die Verantwortung für seine Haltung und Handlung, er leidet mit ihm und freut sich mit ihm, er betreut nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele. Zumindest in den Fällen, die ich kenne, ist er weit mehr als der leibliche Vater, trotz all seiner natürlich vorhandenen Schwächen ist er derjenige, der diesen Schüler zu dem bringt, was er IM LEBEN ist. Natürlich muß der Lehrer diesen Schüler in seinen persönlichsten und intimsten Kreis mit einbeziehen, was ein Akt des Vertrauens bedeut. Täuscht sich der Lehrer im Schüler, gibt dies dem Schüler die Handhabe zum Ausnutzen des Lehrers ohne Grenzen. Manchmal heißt es dann nach 10 Jahren einfach “Tschüß”, und jeder Lehrer kann noch dankbar sein, wenn es nur dabei bleibt. Doch ich habe in meinem Umfeld viele Menschen kennengelernt, für die nachher ein Krieg über richtig und falsch entstand, der auf übelste Weise geführt wurde. Niemand kann die Tragödie im Leben eines Lehrers erahnen, die in solchen Fällen entsteht. Für mich sind und bleiben diese Menschen Verräter an Vertrauen, Freundschaft und Anstand, auch dann, wenn unsere Gesellschaft diese Art von Verletzungen schon fast als Normalität einstuft.

•    Frage: Welche Fehler sollte ein Karatelehrer unbedingt vermeiden?
Werner Lind: Das ist eine schwierige Frage, die ich nicht ohne weiteres beantworten kann. Was für den einen ein Fehler ist, ist für den anderen recht. Karatelehrer sind Menschen und treten in der Öffentlichkeit, d.h. auch vor ihren Schülern als das auf, was sie von innen her sind. Der eine erlaubt sich etwas, was gut ankommt, der andere tut dasselbe, und man nimmt es ihm übel. Nach meiner Erfahrung sollte man zu dem stehen, was man ist. Es ist nicht nötig etwas zu verstecken, man sollte durch die Gesamtheit seiner inneren Eigenschaften wirken. Das heißt aber nicht, dass Karatelehrer nicht an ihren Fehlern arbeiten müssen, denn auch sie sind in demselben Prozeß des Werdens und Veränderns gefangen wie der Schüler.

•    Frage: Was ist die wichtigste Fähigkeit eines Budo-Schülers?
Werner Lind: Die erste und wichtigste Eigenschaft eines Schülers ist, dass er zu seiner Kunst und zu seinen Mitübenden ein ehrliches Miteinander-Verhältnis aufbaut. So etwas geschieht nicht von selbst, er muß sich darum bemühen. Es ist ebenso, wie in einer Freundschaft: beide müssen wollen und etwas dafür tun. Ein Budo-Schüler darf nicht passiv herumstehen und dauernd davon abhängig sein, ob andere ihn zu etwas motivieren. Er muß durch aktive Bekenntnis Teil seiner Gruppe werden, indem er ihr innerstes Empfinden mitversteht und mitträgt. Denn die Gruppe besteht aus Einzelnen. Es sind aber leider immer nur einige Einzelne, die eine Gruppe tragen. Der Rest steht herum.
Nachdem ein Schüler in der Lage ist, eine Gruppe mitzutragen, braucht er die Fähigkeit des Teilens, des Geltenlassens und des Verzeihens. Hingabe ist weder stumpfe Bekenntnis noch Egozentrik, sondern zeigt sich im rechten Tun zur rechten Zeit. Der Schüler braucht daher sowohl ein bißchen Dulden als auch ein bißchen Ich. Er wird nicht lernen können, wenn er sich in ein Extrem begibt.
Alle Kampfkünste sind getragen durch ein starkes Ideal, denn sie binden, anders als andere Sportarten, auch gefühlsmäßig. Es ist für Schüler wichtig, dazu stehen zu lernen. Manchmal kann der Widerspruch zwischen innerem Empfinden und äußerer Schau zu großen Problemen führen. Die meisten Abgänge von Fortgeschrittenen basieren auf diesem eingefleischten Tabu, wahre innere Probleme anzusprechen. Der Rückzug ist angenehmer für das Ich, obwohl er im Inneren noch größere Probleme bereitet.

•    Frage: Wie verhindert man, dass man nach vielen Jahren der Übung im eigenen Fortschritt stehenbleibt?
Werner Lind: Indem man aufhört sich zu fragen, was man bereits erreicht hat, und sich stattdessen fragt, was man noch tut muß. Fortschritt ist ein Prozeß und nichts Erreichtes. Ganz entgegen unserer gesellschaftsbedingten Meinungen besteht der Wert der Kampfkunstübung in der Übung selbst und nicht im Fortschritt. Fortschritt braucht man, um gewisse Übungen machen zu können, aber nicht für das Ich. An der Idee, dass der Wert der Kampfkunstübung im Fortschritt liegt, ähnlich wie man eine Universität besucht, um zum Abschluß zu kommen, sind schon viele Übende gescheitert. Fortschritt ist ein Produkt der Übung. Wert liegt in der Übung selbst.

•    Frage: Welche Rolle spielt im Karate die Bescheidenheit? Kann man sich im Rahmen einer professionellen Schule in unserer Gesellschaft Bescheidenheit erlauben?
Werner Lind: Man kann sich immer und überall Bescheidenheit erlauben. Bescheidenheit ist nicht Dummheit, sondern eine Grundlage für sämtliches Wirken. Nicht der ewige Jasager ist bescheiden, sondern derjenige, der durch sein Handeln Gutes und Rechtes bewirkt und sich aus der Tendenz des Profitierens auf seine persönliche Notwendigkeit zurückbeschränkt. Bescheidenheit besteht nicht in einem Extrem sondern im Gleichgewicht.

•    Frage: Worin sehen Sie die hauptsächlichen Probleme in den Kampfkünsten unserer Zeit?
Werner Lind: Jeder erlebt die Kampfkünste durch seine eigene Perspektive, und ich denke, dass dies auch in der Vergangenheit so war. Grundsätzlich aber gibt es für die klassisch unterrichtenden Lehrer heute ein gemeinsames Problem. Dieses besteht in der Konsummentalität der meisten modernen Schüler, die nur selten bereit sind, einen echten Kampfkunstweg zu gehen. In den meisten Budogemeinschaften, die ich kenne, entsteht nach 10 oder 15 Jahren eine unvermeidbare Übersättigung, ein Verlust an Idealen, eine Infragestellung der Ziele. Zum einen durch die Resignation des Lehrers, der sich durch viele Kompromisse in seinen Absichten vom Weg abgedrängt fühlt, zum anderen durch den Fortschritt der Schüler, die diese Kompromisse automatisch und unbewußt bewirken.Jeder wirkliche Lehrer unterrichtet mit einer blinden Gläubigkeit gegenüber den Idealen des Budo, ist aber letztendlich machtlos gegenüber der gesellschaftsbedingten Lebenshaltung unserer Zeit. Das in den Schüler gesetzte Vertrauen wird häufig mißbraucht, und nach 20 oder 30 Jahren beginnt selbst der größte Idealist zu zweifeln. Viele Lehrer ziehen sich daher zurück, und unterrichten nicht mehr vorbehaltlos. Das ist meist der Zeitpunkt, an dem man fortgeschrittene Schüler über ihre Budo-Gemeinschaft sagen hört: “Es ist nicht mehr so wie früher.”

•    Frage: Sind wir also zu übersättigt?
Werner Lind: Ja, ich denke, das ist eines der Hauptprobleme unserer Zeit. Unsere gesamte Motivation erstreckt sich zu sehr auf das Haben und zu wenig auf das Sein. Budo-Gemeinschaften verlassen daher häufig das Ideal und verflachen in persönlichen Egoismen ihrer Mitglieder. In vielen Kleinigkeiten beginnen diese das gegenseitige Vertrauen zu stören, das “Sich in den Dienst stellen” wird durch ein “Gelten wollen” ersetzt. Persönliches Beleidigtsein wird zur Tagesordnung, vom Budo bleibt nur die Form. Das ist früher oder später der Tod jeder Budo-Gemeinschaft. Das zu verhindern ist der schwierigste Teil in der Aufgabe eines Lehrers. Man muß wissen, dass ein Lehrer nicht nur seine gesamte Kraft in den Dienst einer Budo-Gemeinschaft stellt, sondern sich auch in allen persönlichen Bereichen von ihr abhängig macht. Daher ist er oft der Einzige, der um die Grundlagen eines neuen Miteinander kämpft, während sich seine Fortgeschrittenen in absoluter Narrenfreiheit auf dem Ego-Trip befinden. Ich kenne keinen echten Lehrer, der je einen seiner Schüler verraten hat. Aber ich kenne eine Menge Schüler, die ihre Budo-Gemeinschaft verraten haben.”Warum Verrat?”, fragen einige Uneingeweihte, die die Gesetzmäßigkeiten des Budo nicht kennen. Weil der Kampfkunstunterricht ein Pakt zwischen Lehrer und Schüler ist, der bis ans Lebensende gilt. Weil der Lehrer sich durch die Zusage, den Schüler auf eine hohes Niveau zu führen, in ein Niemandsland begibt und darauf angewiesen ist, das der Schüler nicht nur Technik lernt, sondern auch seinen Charakter entwickelt. Weil in den Kampfkünsten immer noch Loyalität und Wahrheit als die höchsten Prinzipien gelten und nicht Profit und Selbstsucht. Weil das Führen eines Schülers über 10 oder 15 Jahre dem Lehrer alles abverlangt und kein Lehrer in der Lage ist, seine Vorbehaltlosigkeit zu bewahren, wenn er feststellt, dass die meisten Schüler das Ideal für den Profit verraten. Aus diesem Grund ziehen sich viele Lehrer aus dem Wegunterricht zurück und unterichten nur noch Technik.Für diese Schülerhaltungen gibt es immer Begründungen, aber was letztendlich übrigbleibt ist, dass solche Menschen zunehmend eine großartige Idee zerstören, die deshalb nie zur Reife gelangt. Wenn sie selbst Schüler annehmen, passiert das Gleiche, und so können höhere Erfahrungsniveaus nie zum Tragen kommen.

•    Frage: Wie kann man diese Problematik durchbrechen?
Werner Lind: Durch einen persönlichen und anhaltenden Kampf gegen das eigene Ich. Nur auf diese Weise sind Wegziele erreichbar. Die Dojokun ist hier eine hervorragende Leitlinie, in deren Spiegel man sich so oft wie möglich betrachten sollte.

•    Frage: Welches ist Ihre Meinung über die verschiedenen Organisationen?
Werner Lind: Die Existenz der verschiedenen Organisationen ist ein politisches Problem und sollte mit der Praxis des Karate nichts zu tun haben. Leider aber versucht die große Mehrheit der Mitglieder sich durch Föderationszugehörigkeiten zu autorisieren, statt darüber nachzudenken, wie sie ihr Karate verbessern könnten. Der Streit um “autorisiertes” und “nicht-autorisiertes” Karate hat in Deutschland ein Ausmaß erreicht, das jedem ernsthaften Übenden schadet. Darüber muß nachgedacht werden. Die etablierten Lehrer aller Organisationen müssen unabhängig von ihrer internen Verbandspolitik miteinander kommunizieren, wenn Karate als Kunst überleben soll.In diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, dass jeder bekannte Lehrer ein Image durch seine Schüler erhält. Wirkliche Lehrer sind nie konventionelle Menschen, sondern immer ein bischen exotisch und werden nur von jenen Schülern verstanden, die dafür ein Gespür entwickeln. Deshalb liebt man sie oder haßt man sie, es gibt keine Zwischentöne. Sie leisten immer Außergewöhnliches, sind unausstehliche Perfektionisten und machen sich den Durchschnittsmenschen oft zum Feind. Daher hat jeder außergewöhnliche Lehrer nicht nur außergewöhnliche Schüler, sondern auch außergewöhnliche Feinde um sich, die sich seine Schwächen zu Nutzen machen und ihm ein Image bereiten, das nicht der Wirklichkeit entspricht.
Schüler tragen dieses negative Gerede von einem Lehrer zum anderen und schüren damit nicht nur die Abgrenzung zwischen den Verbänden, sondern auch zwischen den Lehrern. Dadurch entstehen unbegründete Abneigungen zwischen diesen, oftmals ohne dass man sich persönlich kennt. Doch alle Lehrer sind auf den gegenseitigen Erfahrungsaustausch angewiesen, und genau das ist der Grund, warum ich den Budo Studien Kreis gegründet habe. Der BSK ist keine Konkurrenz zu den Verbänden, er ist als Studiengemeinschaft für etablierte Lehrer gedacht. Sein Sinn ist es, das Niveau der Kampfkünste durch gemeinsame Arbeit zu heben.
Ich glaube nicht an die Karate-Kompetenz der Organisationen, ich glaube an Menschen, die jenseits der Dogmen die Öffnung für den anderen schaffen. Wenn wir die Kampfkünste wollen, dürfen wir nicht in Funktionärsschablonen denken. Natürlich muß es Organisationen geben, denn sie sind im Leben aller Schüler wichtig. Doch die Meister müssen bereit sein, sich gegenseitig zu respektieren und dürfen ihre Identität nicht hinter den Verbänden verstecken. Nur so können wir voneinander lernen, uns gegenseitig bereichern und die Kampfkünste mit Sinn und Inhalt füllen. Ein Kampfkunstmeister ist kein Diener irgendeines Verbandes, sondern steht in sich selbst und hat die Freiheit, das Richtige zum rechten Zeitpunkt zu entscheiden. Keine Föderation dieser Welt wird ihren Meistern dies je zugestehen, kein Funktionär kann über den Rand seines Schreibtisches hinaussehen. Deshalb wünsche ich mir mehr Selbständigkeit der deutschen Meister und ihnen die Kraft, für dieses Ziel in ihren Organisationen zu kämpfen. Wir alle müssen lernen zu verbinden und aufhören, uns durch sinnlose Regeln abzugrenzen.

•    Frage: Gibt es gute und schlechte Stile?
Werner Lind: Ich halte Menschen für naiv, die die Qualität der Systeme gegenüberstellen und vergessen, dass all die Systeme eine Kampfkunstmethode darstellen, die von einem Übenden verwirklicht werden muß. Natürlich haben wir Finanzämter, die in alle Kampfkünste den Druck des Überlebens hineinbringen und einige Meister dazu veranlassen zu sagen “mein System ist das beste”. Doch das ist ähnlich wie die Werbung für Zahnpasta oder Waschmittel. Dieses haben die Menschen inzwischen verstanden, doch im Theme Kampfkunst gibt es diesbezüglich noch viel Nachholbedarf



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