Glaube nicht, dass Karate nur im Dojo stattfindet

Dieser Leitsatz wurde von Meister Funakoshi formuliert und in den Shoto-nijukun an achter Stelle erläutert. Er besagt, dass ein Kampfkunstübender nicht denken sollte, dass die Übung der Technik im Dojo wichtiger wäre als die Übung seiner alltäglichen inneren Haltung. Viele Schüler konzentrieren sich nur auf die ihnen wichtig erscheinende Technik und lassen die Verhaltensübung außer Acht. Dadurch erkennen sie bedeutende Zusammenhänge der Budo-Übung nicht, und während sie um den von ihnen gewünschten Fortschritt kämpfen, gehen sie am Weg vorbei. Sie blicken überheblich auf das herab, was sie als weniger wichtig betrachten, und merken nicht, dass dadurch eine Haltung entsteht, die ihren Wegfortschritt verhindert.

Fortschritt in den Kampfkünsten besteht aus weitgreifenden Zusammenhängen und resultiert keinesfalls nur aus der Technik. Es ist nicht möglich, die vielen Aspekte zu beschreiben, denn dabei müsste man über innere Haltung gegenüber dem Leben sprechen. Doch der echte Schüler weiß, dass das Geheimnis der Meisterschaft in seiner inneren Haltung liegt. Für die Überwindung aller sich in den Weg stellenden Hindernisse ist jeder selbst verantwortlich. Meister Funakoshi sagte, dass ein Mensch demütig sein muss, um überhaupt wert zu sein, Unterricht in einem Dojo zu erhalten.

Häufig geschieht es, dass ein Übender plötzlich keinen Fortschritt mehr macht, obwohl er sich in der Technik sichtlich bemüht. Der Grund dafür liegt oft in einer überheblichen Meinung von sich selbst, in einem beleidigten Selbstgefühl oder in der Vernachlässigung kleiner, jedoch wichtiger Dinge, deren Bedeutung er unterschätzt. Mit fester Überzeugung kämpft er für seine Sichtweise, doch die hervorgerufene Resonanz ist ihm nicht dienlich und isoliert ihn. Im Dojo verbeugt er sich vor seinem Lehrer, doch draußen ist er überheblich, besserwisserisch und arrogant. Karate findet nicht nur im Dojo statt. Er hat vergessen, dass Fortschritt über die bloße Technik hinaus entscheidend von der rechten Haltung abhängt, mit der er dem Leben begegnet.

Meister Chibana sagte einmal: „Wir alle haben ein bisschen Schwäche in uns. Auf die eine oder andere Weise wollen wir manchmal etwas umsonst. Doch im Karate gibt es so etwas nicht. Dort müssen wir unseren Rang, unser Vorwärtskommen, unseren Status oder unseren Grad durch harte Arbeit und Hingabe an die Kunst täglich aufs Neue verdienen. Im Karate gibt es keine Abkürzungen, es gibt nur die Arbeit, den Schweiß und die Schmerzen.“

Nicht ohne Grund gilt in den Kampfkünsten die Dojokun als Maßstab für den Fortschritt. Sie ist eine ständige Herausforderung an das unüberwundene  Gefühl. Wenn der Übende den  Kampf gegen seine inneren Unebenheiten nicht annimmt, wird er am dauernden Beleidigt sein scheitern. Doch dies hindert ihn nicht daran, im Dojo Techniken zu üben. Es gibt viele Übende, die es auf diese Weise versuchen. Doch als ewige Verlierer gegen das eigene Ich können sie in den Kampfkünsten nichts erreichen, Die wahre Übung geht über die Formen hinaus. Nur wer dies als Auftrag annimmt, kann verstehen, was die Kampfkünste bedeuten. Unabhängig von der eigenen Meinung zählt im Budo nur jener Wert, den ein Übender im Kampf gegen sich selbst bezeugt. Wird ein solcher Wert sichtbar, wird er eine Resonanz der Achtung und der Anerkennung hervorrufen. Die Überheblichkeit hingegen bedarf keiner Übung, denn sie ist in jedem unfertigen Menschen als feste Größe angelegt. Sie zu überwinden und sich verbeugen zu lernen ist der erste Schritt zum Fortschritt. Dies zu erkennen und als Übung anzunehmen ist Budo.

Manchmal gibt es Schüler, die eine solche Übung ablehnen. Sie sind nur bereit zu lernen, was sie als richtig erachten. Auch diese Menschen können in einem Dojo Techniken trainieren. Doch sie können sich in keinen Fortschrittsprozess integrieren, denn sie missachten die grundlegenden Regeln des Weges. Ihr übertriebenes Selbstgefühl trennt sie von all jenen unsichtbaren Verbindungen, in denen sich Menschen begegnen, voneinander lernen und miteinander wachsen. So stehen sie ständig außerhalb des Kreises, in dem Budo-Erfahrungen möglich sind.

Gleich ihrem technischen Können sind solche Menschen in den Kampfkünsten wertlos. Sie berufen sich auf einen Eigenwert, der nicht existiert, da er sich nie bezeugt. In naiver Selbstüberschätzung erkennen sie ihre eigene Bedeutungslosigkeit für andere Menschen nicht und erschweren deren Bemühen um Integrität und Harmonie. Sie stören durch ihr Verhalten ständig das Gleichgewicht der Gemeinschaft, das durch erhöhte Hingabe wieder ausgeglichen werden muss. Die durch Arbeit entstehenden Voraussetzungen nehmen sie als Selbstverständlichkeit für sich in Anspruch und missachten durch diese Haltung das Dojo und all jene, die mit ehrlicher Zuwendung am Erhalt seiner Werte arbeiten.

Je grösser der technische Fortschritt solcher Menschen ist, umso störender wird ihr Verhalten für all jene, die den Weg suchen. Diese Menschen sehen mur das Recht zum Nehmen. Sie haben zu nichts eine echte Beziehung und betrachten alle existierenden Voraussetzungen als selbstverständliche Gegebenheiten. Sie sind nie für andere Menschen da, doch sie erkennen, dass ihr Verhalten überhaupt nur auf Kosten anderer möglich ist, die bereit sind, Verantwortung zu akzeptieren und zu tragen. Gäbe es diese Menschen nicht, gäbe es auch kein Budo. Sie sind die Basis aller Voraussetzungen und dank ihrer Haltung wirklich wertvoll. Sie allein verdienen es, als Fortgeschrittene bezeichnet zu werden.

Diejenigen, die ihren Grad nur durch Technik erreicht haben, sind für die Kampfkünste wertlos. Sie profitieren von fremden Werten und erkennen nicht, dass ihre Mitübenden für ihre naive Vorstellung von Eigenverwirklichung, für ihre Selbstbezogenheit und Anmaßung die Verantwortung tragen müssen.

Artikel von: Der Weg der Kampfkünste von Werner Lind

 



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